Die Chroniken des Leukbachs – Folge 3: Die Jacke im Spiegel

Romanserie · Folge 3 · 15. September 2026

Meta-Beschreibung: Roman und Alain folgen dem rätselhaften Foto von Tür 18 entlang des Leukbachs bis nach Saarburg. Dort entdecken sie, warum Romans Jacke in der Spiegelung zu sehen war.

Hinweis: Die folgende Handlung ist Fiktion. Figuren, Gespräche und geheimnisvolle Funde sind frei erfunden. Sachliche Hintergrundangaben zu den realen Orten stehen getrennt am Ende.

Kurzer Rückblick

Im Holzkasten fanden Roman und Alain den Satz „Der Schlüssel gehört zur Mühle“. Kurz darauf erhielt Roman das Foto einer Tür mit der Zahl 18. In der Fensterspiegelung trug der unbekannte Fotograf Romans Jacke.

Die Jacke im Spiegel

Roman vergrößerte das Foto, bis die einzelnen Bildpunkte wie kleine farbige Steine wirkten. Die Gestalt in der Scheibe blieb unscharf, doch an der linken Schulter war deutlich der helle, halbmondförmige Fleck zu erkennen. Genau dort hatte Roman seine Jacke vor zwei Wintern an einem Zaun aufgerissen und notdürftig ausgebessert.

„Sie hängt bei dir zu Hause?“, fragte Alain.

Roman ging zum Flur. Der Haken war leer.

Er öffnete die Garderobe, sah hinter der Tür nach und zog schließlich alle Mäntel auseinander. Nichts. Erst jetzt erinnerte er sich: Am Morgen hatte er die Jacke noch getragen, als er am Leukbach den Holzkasten gefunden hatte. Später, beim Fotografieren der Karte, hatte er sie über die Stuhllehne gelegt. Danach war Alain gekommen. Irgendwann musste sie verschwunden sein.

„Jemand war im Haus“, sagte Roman.

Alain schüttelte langsam den Kopf. „Oder jemand möchte, dass du genau das glaubst.“

Sie betrachteten das Foto erneut. Hinter der Tür verlief eine helle Linie aus Wasser. Auf der alten Karte führte eine umgekehrte Spur von Borg über den Leukbach bis zu einem Kreis nahe Saarburg. Die Botschaft im Kasten hatte von einer Mühle gesprochen. Saarburg lag näher als jede andere Erklärung.

Noch am Vormittag fuhren sie zunächst nach Oberleuken. Roman wollte den Weg nicht einfach überspringen. Wenn die Karte eine Folge vorgab, musste man sie lesen wie einen Satz: vom Quellgebiet über die Dörfer, dem Wasser folgend, bis zur Saar.

Am Bach war es still. Das Wasser lief über flache Steine, glitt unter Zweigen hindurch und verschwand hinter den Gärten. Roman blieb an der Stelle stehen, an der er den Kasten entdeckt hatte. Im feuchten Boden sah er zwei Reihen von Abdrücken. Die einen stammten vermutlich von seinen Schuhen. Die anderen waren schmaler und führten nicht zum Weg zurück, sondern am Ufer entlang.

Zwischen Gras und Schlamm lag ein blauer Faden.

Roman hob ihn mit einem Taschentuch auf. Farbe und Stärke passten zu seiner Jacke. Alain sagte nichts. Er zeigte nur bachabwärts.

Sie folgten dem Wasser ein Stück zu Fuß. Nach wenigen hundert Metern endeten die fremden Spuren an einer befestigten Stelle. Dort lagen Reifenspuren, vom Regen bereits fast ausgewaschen. Daneben hatte jemand mit Kreide eine kleine Acht auf einen Stein gezeichnet. Die zweite Ziffer fehlte, als wäre der Schreiber gestört worden.

„Das ist keine Einladung“, sagte Alain. „Das ist eine Führung.“

„Wohin?“

„Dorthin, wo der Bach laut genug ist, damit man Schritte nicht hört.“

Am Nachmittag erreichten sie Saarburg. Das Rauschen des Wassers füllte die engen Straßen, wurde zwischen den Häusern zurückgeworfen und verschluckte jedes einzelne Geräusch. Roman dachte an den Satz aus dem Heft: „Nicht öffnen, bevor der Bach schweigt.“ Hier schien der Bach niemals zu schweigen.

Sie suchten keine privaten Gebäude ab und betraten keine abgesperrten Bereiche. Stattdessen verglichen sie vom öffentlichen Weg aus die Linien des Fotos mit Fenstern, Mauern und Geländern. Lange fanden sie nichts. Dann bemerkte Alain auf der Scheibe eines kleinen, leer wirkenden Schaukastens dieselbe schräge Teilung wie auf dem Bild.

Die fotografierte Tür existierte jedoch nicht mehr. An ihrer Stelle stand eine frisch gestrichene Holzplatte. Keine Zahl 18, kein Schloss, nur vier Schrauben.

Roman hielt den alten Schlüssel dagegen. Er passte zu nichts.

„Vielleicht zeigt das Foto nicht die Gegenwart“, sagte Alain.

In diesem Moment vibrierte Romans Telefon. Eine neue Nachricht, wieder ohne erkennbaren Absender: „Die Jacke war nur nötig, damit du hinsiehst. Suche nicht die Tür. Suche ihre Spiegelung.“

Roman trat genau an die Stelle, von der das Foto aufgenommen worden sein musste. In der Scheibe erschien hinter ihm nicht die Holzplatte, sondern die gegenüberliegende Mauer. Dort verlief knapp über dem Boden eine Reihe dunkler Steine. Einer davon war heller und trug eine verwitterte Kerbe.

Eine Acht.

Sie warteten, bis keine Passanten in der Nähe waren, und untersuchten den Stein nur von außen. Er ließ sich nicht bewegen. Doch direkt darunter befand sich ein schmaler Spalt. Roman schob den Schlüssel hinein. Er drehte sich nicht, löste aber mit einem leisen Klicken eine kleine Metallzunge.

Aus dem Spalt fiel ein zusammengerollter Papierstreifen.

Darauf standen drei Zeilen:

„Achtzehn ist kein Raum.
Achtzehn ist eine Reihenfolge.
Der Erste wartet dort, wo der Leuk seinen Namen verliert.“

Unter dem Text war dasselbe Zeichen gezeichnet wie auf der Metallscheibe: drei Linien, die sich in einem Punkt kreuzten. Daneben stand ein Datum, doch die letzte Ziffer war verwischt.

Alain sah zum Wasser. „Wo verliert ein Bach seinen Namen?“

Roman antwortete nicht sofort. Er dachte an die Saar, an die Mündung und an achtzehn Stationen, von denen sie bisher vielleicht nur zwei erkannt hatten.

Dann bemerkte er auf der Rückseite des Papierstreifens einen Abdruck. Jemand hatte auf einem zweiten Blatt geschrieben, das darübergelegen hatte. Roman hielt das Papier schräg ins Licht. Langsam wurden einzelne eingedrückte Buchstaben sichtbar:

„Folge dem Mann, der den Kasten schon 1893 geöffnet hat.“

Roman und Alain sahen einander an. Das Heft war von 1893. Sein Verfasser hätte längst nicht mehr leben können.

Doch am anderen Ende der Straße stand ein Mann in einer blauen Jacke. Als Roman zu ihm hinübersah, drehte er sich um und verschwand im Rauschen des Wassers.


Sachlicher Hintergrund

Der Leukbach ist ein realer Bach im Saar-Mosel-Raum. Er entspringt im Raum Perl, fließt unter anderem durch die Gegend von Oberleuken und mündet in Saarburg in die Saar. Saarburg ist durch den innerstädtischen Wasserlauf und den Wasserfall geprägt. Die im Kapitel beschriebenen Geheimzeichen, Dokumente, Türen und Personen gehören ausschließlich zur erfundenen Romanhandlung.

Weiterlesen:
Vorherige Folge: Folge 2 – Der Schlüssel mit der Zahl 18
Ausgangsartikel: Der Leukbach – vom Quellgebiet bei Borg bis zur Saarburg
Übersicht der Romanserie

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