Die Chroniken des Leukbachs – Folge 6: Die offene Station
Romanserie · Folge 6 · 18. September 2026
Meta-Beschreibung: Roman und Alain folgen der Spur nach Borg. Im rekonstruierten Bad der Villa entdecken sie, wer der dritte Mann auf dem Foto sein soll – und warum Station neun bereits geöffnet wurde.
Hinweis: Die folgende Handlung ist Fiktion. Figuren, Gespräche, Dokumente und geheimnisvolle Funde sind frei erfunden. Sachliche Hintergrundangaben zu den realen Orten stehen getrennt am Ende.
Kurzer Rückblick
Unter einer Brücke zwischen Oberleuken und Kollesleuken fanden Roman und Alain ein Rad mit sieben Speichen. Ein Mechanismus im steinernen Pfosten gab die Nachricht frei: „Borg. IX. Der Dritte auf dem Bild wartet im Bad.“ Gleich darauf warnte eine Stimme, die wie Roman klang, am Telefon vor der bereits offenen Station neun.
Die offene Station
Alain beendete den Anruf, ohne etwas zu sagen. Auf dem Display stand weiter Romans Nummer, obwohl dessen ausgeschaltetes Telefon auf der Handfläche lag.
„Eine nachgemachte Rufnummer“, sagte Alain schließlich. „Das kann man technisch erklären.“
„Die Stimme auch?“
„Vielleicht. Aber die Nachricht kann nur jemand geschickt haben, der wusste, was im Pfosten liegt.“
Sie fotografierten das Holzstück an seinem Platz, schlossen die Klappe und entfernten Messingring und Schlüssel. Das Rad unter der Brücke drehte sich noch einmal, diesmal mit der Strömung. Nach wenigen Sekunden blieb es stehen, als wäre nie etwas Ungewöhnliches geschehen.
Am nächsten Morgen fuhren sie nach Borg. Sie wollten nichts öffnen, nichts berühren und vor allem keine Sperren umgehen. Ihr Plan war einfach: den öffentlich zugänglichen Bereich ansehen, die Formen auf dem alten Foto vergleichen und feststellen, ob der Satz vom „Bad“ überhaupt zur Villa passte.
Schon auf dem Weg von Oberleuken nach Borg war Roman ungewöhnlich schweigsam. Er hatte die Tonaufnahme des Anrufs mehrfach angehört. Die Stimme klang wie seine, doch sie setzte die Atempausen an Stellen, an denen er selbst nie pausiert hätte.
„Es ist nicht meine Stimme“, sagte er.
„Aber sie wurde aus deiner gebaut“, antwortete Alain. „Aus einzelnen Aufnahmen vielleicht.“
Roman erinnerte sich an die Anrufe der vergangenen Tage. Jemand hatte ihn sprechen lassen, kurze Antworten gesammelt, seinen Tonfall geprüft. Die rätselhaften Botschaften waren nicht nur Warnungen gewesen. Sie könnten Material geliefert haben.
Im Archäologiepark betrachteten sie zunächst die rekonstruierten Gebäude von außen. Zwischen Hof, Garten und Badebereich wirkte der Ort geordnet und hell. Gerade diese Ruhe machte Romans Unbehagen stärker. Auf dem Foto von 1893 stand der dritte Mann vor einem Mühlrad; die neue Botschaft behauptete, er warte hier im Bad. Beides passte nicht zusammen.
Alain nahm die Kopie des Fotos hervor. „Vielleicht ist nicht die Person gemeint“, sagte er. „Vielleicht nur ihre Position.“
Die drei Männer auf dem Bild standen nicht in einer Reihe. Der erste hielt die Hand am Rad. Der zweite blickte zur Seite. Der dritte – der Mann mit Romans Gesicht – stand etwas erhöht auf einer hellen Steinplatte.
Im Badebereich suchten sie nicht nach einem Gesicht, sondern nach einer ähnlichen Anordnung: Kreis, seitlich gedrehte Figur, erhöhte Fläche. An einer Stelle erkannte Alain das Muster. Eine runde architektonische Form lag neben einem Durchgang; dahinter stieg der Boden leicht an. Es war keine exakte Übereinstimmung, aber genug, um die Komposition des Fotos wie einen Plan erscheinen zu lassen.
Roman stellte sich dorthin, wo auf dem alten Bild der dritte Mann stand. Nichts geschah.
Dann hörte Alain das Klopfen.
Nicht aus dem Boden, sondern aus Romans Jackentasche.
Der Schlüssel mit der Zahl 18 schlug gegen den Messingring. Roman zog beide hervor. Der Ring schwang, obwohl seine Hand stillstand. Seine sieben Kerben waren deutlich zu sehen – und an der bisher glatten achten Stelle erschien eine feine dunkle Linie.
„Die war gestern noch nicht da“, sagte Roman.
Alain fotografierte sie aus mehreren Winkeln. Die Linie war keine Kerbe, sondern ein winziger Riss. Als Roman den Schlüssel durch den Ring hielt, fiel sein Schatten auf die helle Fläche vor ihnen. Der Bart des Schlüssels und die Kerben des Rings bildeten gemeinsam ein Zeichen: drei Linien, die sich in einem Punkt kreuzten.
Dasselbe Zeichen wie auf der Metallscheibe.
Ein Besucher ging in einiger Entfernung vorbei. Roman steckte die Gegenstände sofort wieder ein. Sie warteten, bis der Weg frei war, und betrachteten nur die sichtbaren Flächen. Unter einer Kante entdeckte Alain einen kleinen Wassertropfen. Er blieb hängen, obwohl die Umgebung trocken war.
Der Tropfen fiel auf den Boden und hinterließ einen dunklen Punkt.
Dann einen zweiten.
Dann einen dritten.
Die Punkte bildeten eine Linie. Roman folgte ihr mit den Augen bis zu einer niedrigen Wand. Dort lag ein zusammengefaltetes Blatt Papier, als hätte es jemand erst vor wenigen Minuten abgelegt. Er nahm es nicht sofort an sich. Alain fotografierte Fundort und Umgebung. Erst danach hob Roman es mit einem Taschentuch an.
Auf der Außenseite stand: „Für den Dritten.“
Innen war eine Zeichnung des Leukbachs. Der Verlauf begann bei Eft-Hellendorf, führte über Oberleuken und weiter in Richtung Saarburg. Neun kleine Kreise lagen am Bach. Die ersten acht waren schwarz ausgefüllt. Der neunte Kreis bei Borg war offen.
„Die Stimme hat gelogen“, sagte Roman. „Station neun ist nicht offen. Sie soll erst geöffnet werden.“
Unter der Karte standen zwei Sätze:
„Nicht der Schlüssel öffnet die Station. Der Dritte tut es.“
Darunter, kleiner: „Suche den Mann, der das Foto gemacht hat.“
Alain drehte das Blatt um. Auf der Rückseite befand sich ein frischer Ausdruck desselben alten Fotos. Diesmal waren nicht drei, sondern vier Personen darauf zu sehen.
Der vierte Mann stand hinter der Kamera – als Spiegelung in einer Fensterscheibe. Sein Gesicht war unscharf, aber die Jacke war deutlich zu erkennen: blau, mit einem hellen Flicken an der Schulter.
Roman sah auf das Datum am unteren Rand des Ausdrucks.
Es war nicht 1893.
Es war der morgige Tag.
Sachlicher Hintergrund
Die Römische Villa Borg ist ein realer Archäologiepark mit rekonstruierten Bereichen eines römischen Landguts, darunter auch eine Badeanlage. Der Leukbach entspringt im Raum Eft-Hellendorf und verläuft unter anderem durch die Gegend von Oberleuken, Kollesleuken, Trassem und Saarburg. Der beschriebene Mechanismus, sämtliche Nachrichten, Fotos und Figuren sowie „Station neun“ sind vollständig erfunden. Die Geschichte behauptet keinen tatsächlichen Fund oder Vorgang im Archäologiepark.
Weiterlesen:
Vorherige Folge: Folge 5 – Das Rad unter dem Wasser
Ausgangsartikel: Der Leukbach – vom Quellgebiet bei Borg bis zur Saarburg
Übersicht der Romanserie
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