Die Chroniken des Leukbachs – Folge 5: Das Rad unter dem Wasser

Romanserie · Folge 5 · 17. September 2026

Meta-Beschreibung: Roman und Alain suchen zwischen Oberleuken und Kollesleuken nach der verschwundenen „Mühle Sieben“. Unter dem Wasser entdecken sie ein Rad, das sich gegen die Strömung dreht.

Hinweis: Die folgende Handlung ist Fiktion. Figuren, Gespräche, Dokumente und geheimnisvolle Funde sind frei erfunden. Sachliche Hintergrundangaben zu den realen Orten stehen getrennt am Ende.

Kurzer Rückblick

In Saarburg erhielten Roman und Alain eine Karte mit einem roten Punkt zwischen Oberleuken und Kollesleuken. Daneben stand: „Mühle Sieben. Unter Wasser.“ Ein altes Foto zeigte außerdem einen Mann, der Roman verblüffend ähnlich sah.

Das Rad unter dem Wasser

Roman legte das Foto auf den Küchentisch und betrachtete es zum zehnten Mal. Drei Männer standen vor einem großen Mühlrad. Zwei trugen dunkle Arbeitskleidung. Der dritte hatte Romans Gesicht – nicht nur dieselbe Stirn und denselben schmalen Mund, sondern auch die kleine Falte zwischen den Augenbrauen.

Alain stellte zwei Tassen Kaffee daneben. „Ähnlichkeit ist kein Beweis“, sagte er. „Auf einem alten, unscharfen Bild sieht man schnell das, was man sehen möchte.“

„Und meine Namen auf der Liste?“

„Die wurden gestern eingetragen. Das hat der Mann selbst zugegeben.“

Roman drehte das Foto um. Der Hinweis auf Station 8 und das nächste Hochwasser stand in einer anderen Handschrift als das Datum auf den Blättern von 1893. Jemand hatte alte und neue Spuren bewusst vermischt.

Sie beschlossen, nicht auf Hochwasser zu warten. Sie wollten weder bei steigendem Wasser noch in einem gefährlichen Uferbereich suchen. Stattdessen verglichen sie die rote Markierung mit öffentlich zugänglichen Wegen und älteren Kartenkopien. Der Punkt lag nicht genau auf dem Bach, sondern etwas daneben, in einem Abschnitt zwischen Oberleuken und Kollesleuken.

Am frühen Nachmittag gingen sie los. Die blaue Jacke blieb im Auto. Roman trug nur den Schlüssel mit der Zahl 18, den Messingring und eine Kopie der Karte. Alain hatte Kamera, Taschenlampe und einen langen Holzstab eingepackt.

Der Leukbach führte ruhig Wasser. Mal verlief er offen zwischen Wiesen, mal verschwand er hinter Bäumen und dichtem Uferbewuchs. Die beiden blieben auf den vorhandenen Wegen und suchten nach Formen, die zur Zeichnung passten. Zunächst fanden sie nur natürliche Steine, Wurzeln und Reste alter Einfassungen, deren Alter sie nicht beurteilen konnten.

„Wenn hier wirklich eine Mühle stand, müsste es einen Zulauf oder ein Gefälle gegeben haben“, sagte Alain.

Roman zeigte auf die Karte. „Vielleicht suchen wir nicht nach einer Mühle. Vielleicht ist Mühle nur der Name der Station.“

Kurz vor dem roten Punkt hörten sie ein regelmäßiges Klopfen. Es kam aus Richtung des Baches: drei schnelle Schläge, eine Pause, dann wieder drei Schläge. Roman blieb stehen.

„Das Geräusch aus dem ersten Kapitel“, sagte er leise.

„Damals waren es einzelne Schläge“, erwiderte Alain. „Jetzt ist es ein Takt.“

Von einer kleinen Brücke aus konnten sie in einen ruhigeren Abschnitt sehen. Unter der Wasseroberfläche zeichnete sich ein dunkler Kreis ab. Zuerst hielten sie ihn für einen Schatten. Dann bewegte er sich.

Ein Rad drehte sich langsam unter Wasser – entgegen der sichtbaren Strömung.

Alain stellte die Kamera auf das Geländer und filmte mehrere Minuten. „Keine Tricks“, sagte er. „Wir gehen nicht hinunter. Wir dokumentieren erst.“

Das Rad hatte sieben breite Speichen. Bei jeder Umdrehung schlug eine davon gegen einen Stein. So entstand das Klopfen. Roman hielt den Messingring hoch. Auch er trug sieben Kerben und eine freie achte Stelle.

Plötzlich blieb das Rad stehen.

Unter der Brücke wurde etwas Helles sichtbar. Ein schmaler Metallstreifen hatte sich zwischen zwei Speichen gelöst und trieb ans Ufer. Alain erreichte ihn mit dem Holzstab, ohne ins Wasser zu steigen. Auf dem Streifen standen vier Zahlen: 1 – 8 – 9 – 3.

„1893“, sagte Roman.

Auf der Rückseite war dasselbe Zeichen eingeritzt wie auf der Metallscheibe: drei Linien, die sich in einem Punkt kreuzten. Daneben verlief eine Reihe winziger Löcher.

Alain hielt den Streifen gegen den Himmel. „Das ist kein Text. Das ist vielleicht eine Schablone.“

Roman legte ihn über die Kartenkopie. Die Löcher deckten sich zunächst mit nichts. Erst als er den Streifen über das alte Foto hielt, erschienen in den Öffnungen einzelne Bildteile: das Gesicht des ersten Mannes, die Hand des zweiten und ein heller Fleck am Mühlrad. Zusammen ergaben sie eine schräge Linie.

Diese Linie zeigte nicht auf das Rad, sondern auf den Hintergrund des Fotos. Dort stand, fast vollständig von Bäumen verdeckt, ein steinerner Pfosten.

Roman sah von der Brücke in die Umgebung. Etwa zwanzig Meter entfernt erkannte er zwischen Sträuchern eine ähnliche Form. Sie gingen auf dem Weg bis zu der Stelle. Der Pfosten war kaum hüfthoch und wirkte unscheinbar. Auf seiner Oberseite befand sich eine runde Vertiefung.

Der Messingring passte hinein.

Roman setzte den Schlüssel mit der Zahl 18 in die Mitte. Dieses Mal ließ er sich vollständig drehen. Im selben Augenblick begann das Rad unter Wasser erneut zu klopfen. Sieben Schläge, dann ein achter, viel lauterer.

Im Pfosten sprang eine schmale Klappe auf. Dahinter lag kein Dokument, sondern ein kleines Stück Holz, schwarz vom Alter und mit einem einzigen Wort beschriftet:

„Borg.“

Darunter war eine römische Zahl eingeritzt: IX.

„Station neun“, sagte Alain. „Die achte Station war nie das Rad. Sie war der Mechanismus, der den nächsten Ort freigibt.“

Roman nahm das Holzstück nicht heraus. Neben dem Wort Borg entdeckte er eine zweite, kaum sichtbare Zeile. Alain leuchtete schräg darüber.

„Der Dritte auf dem Bild wartet im Bad.“

Roman dachte an die Villa Borg und ihre rekonstruierten Badebereiche. Doch bevor er etwas sagen konnte, klingelte Alains Telefon.

Auf dem Display erschien Romans eigene Nummer.

Roman hielt sein Telefon in der Hand. Es war ausgeschaltet.

Alain nahm den Anruf an. Aus dem Lautsprecher kam zuerst nur Wasserrauschen. Dann sagte eine Stimme, die Romans Stimme vollkommen glich:

„Kommt nicht nach Borg. Station neun ist bereits offen.“


Sachlicher Hintergrund

Der Leukbach verläuft real durch den Saargau und unter anderem durch die Gegend von Oberleuken, Kollesleuken und Trassem bis nach Saarburg. Historisch nutzten Mühlen seine Wasserkraft. Die „Mühle Sieben“, das untergetauchte Rad, der Mechanismus und sämtliche beschriebenen Personen und Botschaften sind vollständig erfunden. Die Römische Villa Borg ist ein realer Archäologiepark; die Handlung behauptet keinen tatsächlichen Fund oder Vorgang dort.

Weiterlesen:
Vorherige Folge: Folge 4 – Der Mann am Ende des Baches
Ausgangsartikel: Der Leukbach – vom Quellgebiet bei Borg bis zur Saarburg
Übersicht der Romanserie

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