Die Chroniken des Leukbachs – Folge 4: Der Mann am Ende des Baches

Romanserie · Folge 4 · 16. September 2026

Meta-Beschreibung: Roman und Alain verfolgen den Mann in der blauen Jacke bis zur Mündung der Leuk in Saarburg. Dort führt die Spur von 1893 zu einer Liste, auf der Romans Name bereits verzeichnet ist.

Hinweis: Die folgende Handlung ist Fiktion. Figuren, Gespräche, Dokumente und geheimnisvolle Funde sind frei erfunden. Sachliche Hintergrundangaben zu den realen Orten stehen getrennt am Ende.

Kurzer Rückblick

In Saarburg fanden Roman und Alain den Hinweis, dass die Zahl 18 eine Reihenfolge bezeichnet. Auf einem Papier stand: „Folge dem Mann, der den Kasten schon 1893 geöffnet hat.“ Kurz darauf sah Roman einen Mann in seiner verschwundenen blauen Jacke.

Der Mann am Ende des Baches

Roman rannte los. Der Mann in der blauen Jacke war bereits hinter der nächsten Hausecke verschwunden, doch für einen Augenblick sah Roman noch den hellen Flicken an der Schulter. Es war seine Jacke. Daran bestand kein Zweifel.

Alain holte ihn am Geländer ein. „Nicht blind hinterher“, sagte er und packte Roman am Arm. „Wenn er wollte, dass wir ihn nicht sehen, hätten wir ihn nicht gesehen.“

Das Rauschen der Leuk füllte die Gasse. Zwischen den Häusern wirkte der Bach wie eine bewegte Straße, die ihren eigenen Weg durch Saarburg kannte. Roman blickte auf den Papierstreifen in seiner Hand. Der Erste wartete dort, wo die Leuk ihren Namen verlor. Nicht an der Tür, nicht am Wasserfall, sondern dort, wo der Bach in die Saar mündete.

Sie gingen zügig weiter, ohne den Mann noch einmal zu sehen. Am Ufer der Saar wurde das Geräusch der Leuk schwächer. Das Wasser, dem sie von Oberleuken aus gefolgt waren, ging in den größeren Fluss über. Für Roman sah die Stelle unspektakulär aus. Kein Tor, kein Denkmal, kein Zeichen. Nur Wasser, Steine und das gleichmäßige Vorüberziehen der Saar.

„Hier verliert sie ihren Namen“, sagte Alain.

Roman nahm den alten Schlüssel mit der Zahl 18 aus der Tasche. Das Metall war kalt. Als er ihn drehte, entdeckte er am Bart eine Kerbe, die ihm bisher entgangen war: drei kurze Linien, die sich in einem Punkt trafen. Dasselbe Zeichen wie auf der Scheibe und dem Papier.

Unterhalb des Weges lag ein flacher Stein, dessen Oberfläche heller war als die übrigen. Roman wollte hinuntersteigen, doch Alain hielt ihn zurück. „Öffentlicher Weg, ja. Rutschiges Ufer, nein. Wir schauen erst von hier.“

Sie verglichen den Stein mit der alten Karte. Neben dem Kreis bei Saarburg verlief ein winziger Strich, den sie für einen Riss gehalten hatten. Roman hielt die Karte gegen das Licht. Der Strich endete an einem Rechteck.

Hinter ihnen klackte etwas auf dem Pflaster.

Der Mann in der blauen Jacke stand wenige Meter entfernt. Er war vielleicht sechzig, vielleicht älter. Sein Gesicht lag unter dem Schirm einer dunklen Mütze. In der Hand hielt er einen schmalen Holzkasten, ähnlich dem, den Roman am Leukbach gefunden hatte.

„Die Jacke gehört Ihnen“, sagte er. Seine Stimme war ruhig. „Ich brauchte nur etwas, das Sie auf dem Foto sicher erkennen.“

„Wer sind Sie?“, fragte Roman.

Der Mann stellte den Kasten auf eine Bank. „Jemand, der zu lange gewartet hat.“

Alain trat einen Schritt vor. „Und 1893?“

Zum ersten Mal lächelte der Fremde. „Mein Urgroßvater fand damals den ersten Kasten. Er war Müllergehilfe und glaubte, darin liege eine Besitzurkunde. Stattdessen fand er eine Reihenfolge von Orten am Bach. Achtzehn Stationen. Er erreichte nur sieben.“

Roman legte die Hand auf den Schlüssel. „Warum führen Sie uns?“

„Ich führe Sie nicht. Der Bach tut es.“

Alain schnaubte. „Bäche schreiben keine Nachrichten und stehlen keine Jacken.“

„Richtig“, sagte der Mann. „Menschen tun das. Manche wollen, dass die Reihenfolge vollendet wird. Andere sorgen seit Generationen dafür, dass niemand weiter als bis zur siebten Station kommt.“

Er schob den Kasten über die Bank. Auf dem Deckel war eine Mühle eingeritzt. Roman öffnete ihn nicht. Der Satz aus dem alten Heft war noch zu deutlich in seinem Kopf: Nicht öffnen, bevor der Bach schweigt.

Hier, an der Saar, war die Leuk kaum noch zu hören.

Roman hob den Deckel vorsichtig an. Im Innern lag ein Bündel vergilbter Blätter, zusammengebunden mit blauem Faden. Das erste Blatt trug das Datum 17. Oktober 1893. Darunter standen sieben Ortsangaben, teils verblasst, aber noch lesbar: Quelle, Oberleuken, ein Übergang, Kollesleuken, Trassem, Mühle und Mündung.

Neben jeder Zeile befand sich ein Name.

„Die Leute, die dort waren?“, fragte Roman.

„Diejenigen, die etwas bewahren sollten“, antwortete der Fremde.

Auf der achten Zeile stand nur die Zahl 18. Die folgenden Felder waren leer. Roman blätterte weiter. Auf der letzten Seite war die Tinte nicht braun und verblasst, sondern dunkelblau und frisch.

Dort standen zwei Namen: Roman und Alain.

Alain griff nach dem Blatt. „Das ist nicht von 1893.“

„Nein“, sagte der Mann. „Das wurde gestern eingetragen.“

Ein Schiff fuhr auf der Saar vorbei. Seine Wellen liefen gegen das Ufer, und für einige Sekunden bewegte sich das Wasser an der Mündung rückwärts. Im Kasten löste sich ein doppelter Boden. Darunter lag ein kleiner Messingring mit sieben Kerben und einer freien achten Stelle.

Roman setzte den Schlüssel an. Er passte in die Öffnung des Rings, ließ sich aber nur bis zur Hälfte drehen.

„Die achte Station fehlt“, sagte Alain.

Der Mann sah zurück in Richtung der Leuk. „Nein. Sie wurde absichtlich aus der Karte entfernt.“

Dann zog er ein gefaltetes Blatt aus der Innentasche von Romans Jacke und reichte es ihm. Darauf war der Verlauf der Leuk von der Quelle bis Saarburg gezeichnet. Zwischen Oberleuken und Kollesleuken befand sich ein roter Punkt, den ihre bisherige Karte nicht zeigte.

Daneben standen drei Worte:

„Mühle Sieben. Unter Wasser.“

Roman sah auf. Doch der Mann war bereits gegangen. Auf der Bank lag nur noch die blaue Jacke. In ihrer Tasche fand Alain ein Foto, das offenbar viele Jahrzehnte alt war.

Es zeigte drei Männer vor einem Mühlrad. Zwei Gesichter waren unbekannt. Der dritte Mann sah Roman verblüffend ähnlich.

Auf der Rückseite stand: „Station 8 – nicht vor dem nächsten Hochwasser öffnen.“


Sachlicher Hintergrund

Der Leukbach ist ein realer linker Nebenfluss der Saar. Er verläuft aus dem Raum Eft-Hellendorf über die Gegend von Oberleuken, weiter über Kollesleuken und Trassem bis nach Saarburg, wo er in die Saar mündet. Die Leuk wurde in Saarburg historisch in die Stadt geführt und prägte dort Mühlen und den bekannten Wasserfall. Die in diesem Kapitel beschriebenen Kästen, Namenslisten, Personen, Stationen und die „Mühle Sieben“ sind vollständig erfunden.

Weiterlesen:
Vorherige Folge: Folge 3 – Die Jacke im Spiegel
Ausgangsartikel: Der Leukbach – vom Quellgebiet bei Borg bis zur Saarburg
Übersicht der Romanserie

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